Familienehre und individuelles Glück. Betty Paolis Roman "Die Ehre des Hauses"
Karin S. Wozonig
Auftakt
Im Jahr 1844 erschien die Prosasammlung
Die Welt und mein Auge der Dichterin Barbara Elisabeth Glück, die sie unter dem Pseudonym Betty Paoli veröffentlichte. Sie wurde 1814 in Wien geboren und starb 1894 in Baden bei Wien. In den 1840er Jahren war Paoli vor allem für ihre nachromantische Liebeslyrik in der Tradition Lenaus bekannt, sie publizierte aber auch Prosabeiträge in Almanachen und literarischen Taschenbüchern. Band zwei und drei der Sammlung
Die Welt und mein Auge bestehen aus Wiederabdrucken solcher Almanachtexte, die sich thematisch weitgehend im Rahmen der populären Novellenliteratur der Zeit bewegen. Band eins der Sammlung enthält einen Familienroman, der bereits zwei Jahre zuvor in prominenter Gesellschaft angekündigt worden war und der der einzige Roman Paolis bleiben sollte. Die Ankündigung in den Sonntags-Blättern stellte Betty Paoli neben Bettina von Arnim, was der damaligen Bedeutung Paolis in der literarischen Szene durchaus entsprach:
Dies Buch gehört dem König ist der Titel eines Buches, welches wir von der ersten deutschen Dichterin, von Bettina zu erwarten haben. Ein neuer Roman erscheint nächstens von der unter den Frauen ausgezeichneten Dichterin Betti [!] Paoli unter dem Titel Des Hauses Ehre.
Der Titel - endgültig lautet er
Die Ehre des Hauses - verrät, worum es in diesem Roman vordergründig geht: um die Bedeutung eines ehrenwerten Namens, um dynastischen Stolz, um Familienehre. Über die Darstellung des Untergangs eines schottischen Adelsgeschlechts im späten 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert hinaus ist dieser Roman auch als Beschreibung einer sozialen Konfiguration zu lesen, die in der Zeit des Vormärz politisch hoch aktuell ist. Die Familie, immer schon Schauplatz der Einübung von Mechanismen der Verbindung von Individuum und Gesellschaft, wird in dem Text zum Ausdruck eines Machtgefüges, in dem adelige Vorrechte auf ein bürgerliches Individualkonzept treffen. Die standesgemäß hoch bewertete adelige Familienehre wird zu einem sinnentleerten und destruktiven Element, das dennoch weiterlebt. Der Wille des Einzelnen kollidiert mit dem hergebrachten Wertesystem: Dem sozial-naturalistischen Vorrecht des Adels wird die individuelle Leistung und eine Ehre des bürgerlichen Subjekts gegenüber gestellt. Die historische Konstellation, die Betty Paoli in ihrem Roman drei Generationen überspannend durchspielt, ist zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans zum gesamtgesellschaftlichen, politisch brisanten Phänomen geworden.